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Weiblichkeit #ProjektDings

Ich mache mir immer wieder Gedanken um das Thema „Weiblichkeit“.

Als transidenter Mensch war ich vorher lange Zeit auf der Suche nach der „Männlichkeit“. Welche Rolle spielt ein Mann? Was macht einen Mann aus? Was ist ein Mann? Welche Rolle spielt der Mann in der globalen Galaktik? Ich will nicht sagen, dass ich daran gescheitert bin, nur dass ich nach drei Ehen und langjährigen Beziehungen als Mann mit Frauen immer noch nicht wusste, was so Sache sein soll. Ist er eher dominant, ist er eher devot, mir war einfach nie wirklich klar, in welche Schublade ich passte. Nicht dass ich meine Sexualität nicht hatte und mochte, aber alles drum herum war ziemlich rastlos.

Von außen war ja alles super. Lebend im BDSM als Dom. Schöne Frauen um mich herum. Von dem einen oder anderen wurde ich darum beneidet. Und ja, es ging mir oberflächlich betrachtet immer gut. Aber innerlich war das alles nicht so einfach. Auch wenn ich mich selbst belogen habe und damit sicherlich auch andere. Ich dachte, ich hätte mich gefunden.

Nun war „Sarah Blume“ ja schon länger ein Teil von mir. Sie begann als Hirngespinnst, damit ich es einfacher hatte meine (submissive) Bi-Sexualität mit Männern zu leben. In meinem Kopf sah ich mich von außen selbst als weibliches Wesen und hatte so eine „umgekehrte Heterosexualität“ im Kopf, bevor ich mir meine Bi-Sexualität wirklich eingestehen konnte. So konnte ich als Mann dominant und als Frau submissiv sein. Aber hey … wir leben ja in einer Welt, die nicht-binäre Menschen kennt. Und im Laufe mehrerer Jahre lies ich dann Schritt für Schritt die Frau aus mir raus.

Als ich Damenwäscheträger war, habe ich ziemlich zügig festgestellt, dass ich keinen Fetisch dafür hatte. Mir gefiel die Sicht auf mich als Frau nicht, die unrasiert und fern der Heimat in den dunklen Ecken der Städte auf Männerjagd war. Aber ich ließ mich dennoch darauf ein, denn der männliche Dom trug Bart und wie sollte ich dies meinen Partnerinnen daheim erklären. Das Anlegen von Damenunterwäsche hat mich in keinster Weise erregt, wie es für Damenwäscheträger üblich ist.

Es ist noch nicht so lange her, da habe ich dann den Schritt zum Crossdresser gemacht. Crossdresser sind die heterosexuelle Variante von Transvestiten. Und ich hatte so meinen „umgekehrten heterosexuellen“ Sex mit Männern. Ich habe mir redlich Mühe gegeben weiblich auszusehen, wenn ich sexuell unterwegs war. Bart ab. Schicke Dessous und sexy Outfits drüber. Etwas, was ein Mann gerne ausziehen möchte, weil er mich anziehend findet. Nur haben Crossdresser männlicher Natur, die immer noch hetero sind Sex mit Frauen. Ein Umstand, den ich für mich nicht gewinnen konnte. Aufgrund meiner binären Erziehung konnte ich Sex mit Männern nur haben, wenn ich Frau war und Sex mit Frauen nur dann, wenn ich Mann war. Und weil nach meiner anerzogenen Denke haben Männer einen Penis und Frauen eine Vagina. So habe ich meinen Penis selbst in einen Käfig gesperrt. Wenn ich Sex mit Männern hatte, dann wollte ich nicht aktiv sein, sondern „Löcher zum Stopfen“ präsentieren können.

Ich drang in die Sissy-Szene vor. Einer BDSM-Variante, in welcher Männer „gegen ihren Willen“ feminisiert werden. Und zwar von anderen Frauen, die aber auch Männer sind. Also irgendwie ein Männerclub. Auch wenn ich viele liebe Menschen dort kennen gelernt habe, so habe ich ja das Problem, dass ich ja gar nicht „gegen meinen Willen“ feminisiert werden kann. Ich tat das ja alles schon selber. Kleider, Röcke und Heels kamen immer mehr auf den Einkaufszettel. Pflegeprodukte für Haare (echte und falsche) und alles, was ich mir dachte, was ich als Frau zu machen und zu lassen habe, um als Frau durch den Tag zu kommen. Zudem bemerkte ich, dass das Tragen eines Peniskäfigs mich überhaupt nicht geil machte. Echte Sissys werden geil durch das Tragen eines Peniskäfigs und fangen schnell an zu „jammern“. Ich trug meinen Käfig wochenlang (unterbrochen durch Waschen und Rasieren meines Penis und Reinigen des Käfigs) und nahm diesen nur dann ab, wenn der Dom Sex mit einer Frau haben wollte.

Bin ich früher als Mann wirklich exzessiv mit meinem Penis umgegangen, so habe ich gespürt, dass durch mein 24/7 Crossdressing (in Arbeit und Freizeit) ich meinen Penis einfach nicht brauchte um für mich erfüllende Sexualität zu haben. Mittlerweile lehne ich meinen Penis ab. Ich muss halt irgendwie pinkeln, aber ich schließe ihn in meiner Sexualität komplett aus. Und zwar nicht, weil mir jemand das sagt oder ich mir was verweigere. Er wird einfach nicht gebraucht. Und irgendwie fiel es mir dann wie Schuppen aus den Haaren, dass ich diesen ganzen Weg gegangen bin um für mich festzustellen, dass ich tatsächlich eine Frau bin. All meine Suche nach der Männlichkeit führte mich zu dem Punkt, dass ich tatsächlich schon immer Frau gewesen bin. Also nicht „divers“ oder „nicht-binär“, sondern, um im Kontext der Sexualität zu bleiben, schon immer eine bi-sexuelle Frau war.


Trivia: Wenn dieser Beitrag erscheint, dann war ich vorgestern auf meinem ersten Transberatungstermin. Darüber blogge ich sicherlich auch mal.


Für mich ist Weiblichkeit erstmal was Äußeres. Kein Wunder, denn ich bin als Mann sozialisiert und wer mir einen dummen Spruch schiebt, dem schiebe ich einen zurück. Meine nächstälteste Schwester hat mir mal gesagt, Du kannst gar nicht wissen, wie es ist als Frau aufzuwachsen. Du bist halt erst seit kurzem eine „echte“. Und ich kann ihr das gar nicht übel nehmen. Ich habe keine Ahnung, wie das ist mit all den Erniedrigungen und Übergriffen klar zu kommen. Einiges erlebe ich halt erst jetzt. Auch wenn ich als Sexarbeiterin mit Männern verkehre ist mir klar, das ich selten wirklich als Frau wahrgenommen werde. Ich muss mich da ein Stück weit fetischisieren lassen und ab und an auch mal das Wort „Transe“ einstecken. Würde ich mit meinen Gästen mein Geschlecht ernsthaft besprechen, dann hätte ich wohl keine. Diesbezüglich bin ich dankbar für Corona, weil ich ja nicht arbeiten darf. Und ich so den ganzen Wörtern entgehe.

Weiblichkeit bedeutet für mich, meinen Körper nicht zu verstecken. Ich trage gerne enge Kleidung, auch wenn ich eine Plautze habe. Ich stöckele auf hohen Schuhen durchs Leben, weil ich mich gerne so sehe. Mein Gefühl ist feminin und das bedeutet für mich Ausschnitt tragen, lange offene Haare. Ich mag, wenn Männer nicht wissen, wo meine Augen sind, weil sie sich fragen, ob meine Brüste echt sind. Ich lasse mich auf eine gewisse Art und Weise gerne, hust, begutachten. Und wenn mir das zu abschätzig wird, dann gibt es halt einen Spruch zurück.

Weiblichkeit bedeutet für mich, dass ich die gleichen Rechte habe wie ein Mann. Wenn ich also Lust auf Sex habe, dann date ich. Ich frage nicht, ich mache einfach. Okay, ich habe eine Herrin, aber sie lässt mir den nötigen Freiraum zum atmen. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich eine selbstbewusste und sexpositive Frau, die sich und ihre Leidenschaften nicht versteckt. Die sich nimmt, was und wen sie will und wenn ich mal träumen darf: Wenn sich alles so entwickelt, wie es jetzt Stand meiner Dinge ist, dann werde ich noch viele Jahre lust- und leidenschaftlichen Sex haben. Und zwar mit drei Öffnungen 😉

3 Kommentare

  1. Danke für die Schilderung!
    Ich fand das sehr berührend und nachvollziehbar.
    Mach weiter so!

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