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Erstgespräch HRT #SJBtransition

Letzten Dienstag war es also soweit. Nachdem der erste Termin aufgrund eines Notfalls beim Psychotherapeuten verschoben werden musste, wurde es ernst und ich hatte meinen allerallerersten Termin beim Psychotherapeuten.

Der Vollständigkeit halber war es nicht der erste Termin bei einem Psychotherapeuten überhaupt in meinem Leben. Bereits irgendwann Mitte der 2000er habe ich in Hamburg bei jemandem „auf der Couch“ gelegen. Damals ging es jedoch darum, ob mein Verhalten von einer Beziehung direkt in eine neue Beziehung hüpfen zu müssen eigentlich „normal“ sei. Im Nachgang betrachtet könnte dies auch ein Ankerpunkt sein für den „Zustand“ in welchem ich mich nun befinde. Mal sehen, ob ich das nochmal in den Ring werfe.

Insgesamt habe ich 15 Psycho*menschen (im Sinne von Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen) angeschrieben und nicht abtelefoniert. Wenn eins nicht auf eMails reagiert, wird es schwer haben mich ins Behandlungszimmer zu bekommen. Am Ende haben dann zwei Praxen reagiert und nachdem der erste nun gewesen ist, werde ich den zweiten Menschen im Mai sehen. Vorab sei noch gesagt, dass ich meinen Arbeitgeber und auch meinen Entleiher transparent über diese Termine informiert habe und auch halte. Und wenn ich mich nicht irre, dann wird auch dieses Blog von seiten der Arbeitswelt verfolgt. Schließlich veröffentliche ich auch zeitweilig auf LinkedIn.

Ich war nicht sonderlich aufgeregt vor diesem Termin. Es war aber auch nicht reine Routine. Unterm Strich bin ich recht gut informiert über die Vorgehenweise, welcher ich im Rahmen des „Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen“ (TSG) folgen muss, um am Ende „Sarah Jessica Susanne Mewes“ per Durchführung des Personenstandsgesetz (PStG) zu werden. Im Rahmen des Gespräches erwähnte ich, dass bei nur genügend Zeit und Geld ich tatsächlich Jura studieren würde. Es fällt mir leicht diese Sprache zu lesen und mich durch Kommentierungen und Bemerkungen und Gerichtsurteile zu wühlen. Daher weiß ich schon, dass ich das Recht jetzt schon habe diesen selbstgewählten Namen zu nutzen, da ich einen Ergänzungsausweis der dgti e.V. habe, welcher mich in Verbindung mit meinem Personalausweis eben als solche identifiziert. Und bisher hat dies immer und überall sang- und klanglos funktioniert.

Das Erstgespräch ging über zwei Stunden und wir nutzten die Zeit uns ein wenig kennen zu lernen und die Möglichkeiten der Krankenkassenvorgaben abzuklopfen. Der Psychotherapeut stellte sich vor, ich tat es und wir verstanden uns auch hinter der Maske auf Anhieb. Es ist schön, wenn Augen lächeln.

Spoiler: Ich schreibe diesen Blog übrigens als Tagebuch für mich und auch für interessierte Menschen in diesem „draußen“. Auch deswegen, weil ich nicht in nölfzig Einzelgesprächen jedem mir noch so nahe stehenden Menschen alles einzeln auf den Tisch legen kann. Wer also Fragen hat, der darf mich gerne anschreiben und ich telefoniere/zoome dann auch gerne über meine Transition.

Natürlich ging es auch um meinen Lebensweg, also das Vorleben als Mann mit seinen Stationen in Freizeit und Beruf. Dazu gehört auch der sexuelle Weg, den ich beschritten habe, also Dinge wie BDSM, Damenwäscheträger, Crossdresser, Sexarbeit. Dabei hatte ich nicht das Gefühl ausgehorcht zu werden. Meiner Meinung nach gehört das Leben „davor“ eben auch zum Leben dazu und es ist untrennbar mit dem Leben „danach“ verbunden. Ich kann jedoch auch nachvollziehen, dass die Schilderung von sexuellen Dingen (also jetzt nicht en detail!) nicht bei allen trans* Menschen gut ankommt. Manche würden auch sagen, dass es trans feindlich sei auf dem Erfassungsbogen seinen amtlichen Namen angeben zu müssen. Aus meinem Viertelwissen in Jura heraus erschließt sich jedoch die Pflicht des Therapeuten, dies tun zu müssen.

Die Transition Mann zu Frau / Frau zu Mann (sorry, das TSG ist binär und 40 Jahre alt) setzt voraus, dass ein Mann tatsächlich eine Frau ist und somit das soziale Geschlecht falsch sei und vice versa. Transidenz wird in der anzunehmenden Form als Leiden betrachtet und die geschlechtsangleichende Operation (GaOP) in Verbindung mit einem neuen amtlichen Ausweisdokument mindert dieses Leiden komplett. Nur weil viele Menschen sich in der heutigen Zeit als trans* outen bedeutet übrigens nicht, dass es bisher keine gab oder es sich um eine Modeerscheinung handelt. Trans Menschen gab es schon immer. Genauso wie es schwule und lesbische Menschen immer gegeben hat. Offensichtlich ist es einfach die richtige Zeit, dass diese Menschen sich einfach „ans Licht“ trauen und so auf diesen Umstand hinweisen.

Der Psychotherapeut sagte mir, dass das Ziel der Therapie nicht sei, mir das ganze auszureden, sondern fest zu stellen, dass es keinerlei andere psychologischen Probleme bei mir gibt, welche eine erfolgreiche Transition verhindern. Dass Transidenz je nach Umstand sich in depressiven Schüben zeigen würde, weil eins einfach nicht „aus seiner Haut“ kommen kann, kann eine Begleiterscheinung sein. Die abschließende GaOP mindert dann zumeist auch eine etwaige Depression bis zum Grad von 100 ab.

Als Beispiel führte er auf, dass er jemanden bei sich hatte der sagte, er hätte fünf Stimmen im Kopf und eine sei weiblich. Und er möchte nun weiblich werden, damit die anderen vier Stimmen verstummen. Er sagte, dass es sein kann, dass eine Transidenz vorläge, aber eine Schizophrenie sei wahrscheinlicher. Und diese müsse zuvorderst behandelt werden.

Daher würde eben fachärztlich festgestellt werden müssen, dass bei transidenten Personen, die „Körperlichkeit“ des falschen Geschlechtes nachzuweisen sei um erfolgreich in die die Köperlichkeit des richtigen Geschlechtes wechseln zu können. Der folgende Weg wurde dann skizziert:

a) 11-12 Stunden nachweisbare Psychotherapiesitzungen innerhalb eines Jahres gelten als Grundvoraussetzung für die Krankenkassen.
b) Innerhalb dieser Zeit kommt es zu einem Termin in einer Endokrinologie mit ein paar nicht körperlichen Untersuchungen.
c) Der Psychotherapeut schreibt dann die Indikation für eine ausführliche Begutachtung.
d) Meinen Kardiologen aufsuchen und Gutachten über Tauglichkeit zur Transition erstellen lassen. Eine mögliche Thrombose könnte sich der Transition in den Weg stellen.
e) Mit dem Ergebnis aus der Endokrinologie wird meine HRT beginnen und dann der Antrag beim Amtsgericht gestellt. Bei mir ist Köln für ganz Süd-Nordrhein-Westfalen zuständig. Wartezeiten von 4-5 Monaten sind üblich.
f) Das Amtsgericht stellt zwei Gutachter, wobei ich mir meinen Psychoterapeuten wünschen darf. Zumeist wird dem statt gegeben.
g) Mit den Gutachten geht es dann zur Krankenkasse für die Kostenübernahme der GaOP. In aller Regel wird, egal welche Behanndlung zu welchem Leiden, in der ersten Runde abgelehnt und in der zweiten dann doch stattgegeben.
h) Nach TSG habe ich mich sterilisieren zu lassen. Durch die GaOP wird dies aus logischen Gründen nachgewiesen. Ein Termin für eine GaOP kann jedoch bis zu 12 Monaten dauern.
i) Wenn alles glatt läuft, dann habe ich in 2024/2025 fertig. Einen neuen Körper und einen neuen Personalausweis.

Informationen:

[1] https://www.gesetze-im-internet.de/tsg/
[2] https://www.gesetze-im-internet.de/pstg/
[3] https://www.dgti.org/ergaenzungsausweis.html
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Endokrinologie
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Thrombose
[6] https://en.wikipedia.org/wiki/Feminizing_hormone_therapy

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