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Mein Gendertagebuch

Last updated on 14. August 2021

Ich glaube, dass ich meine erste Erfahrung gemacht habe, da war ich 8 oder 9 in der Grundschule. Es ging darum, dass die Kinder sich entscheiden mussten, ob sie Werken oder Handarbeit lernen sollten, und ich habe mich für Handarbeit entschieden. Und habe festgestellt, dass das nicht gern gesehen war. Ich musste daraufhin von Handarbeit zu Werken wechseln und habe das nicht gemocht. Das war das erste Mal, dass Ich mit Gender was zu tun gehabt habe und wo man mich nicht einfach hat machen lassen wie ich wollte.

Ein paar wenige Jahre später ging es dann darum, dass ich in der katholischen Kirche nicht Messdiener sein wollte, weil das so hierarchisch gegliedert war und ich nicht in einen Wettbewerb einsteigen wollte. Und zu dem Zeitpunkt war es möglich in eine neu gegründete Vorlesegruppe zu gehen. Vielleicht war ich da 11 oder 12. Damals war das noch ein bisschen schwierig mit Frauen am Altar und so hat man Mädchen die Möglichkeit gegeben, die nicht Messdiener sein durften, Fürbitten vorzutragen und ich fand das großartig. Also hab ich mich in dieser Gruppe angemeldet, weil ich halt auch gut vorlesen konnte. Was dazu geführt hat, dass auch in diese Gruppe verlassen musste, weil gesagt wurde, dass Jungs sowas nicht machen. Sie könnten Messdiener werden. Und das hab ich nicht verstanden.

In beiden Fällen habe ich festgestellt, dass meine Eltern meine Wünsche nicht respektiert haben. Nachträglich nehme ich Ihnen das aber auch nicht übel, denn die Zeiten waren irgendwie anders und das wäre ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, andere Eltern davon zu überzeugen, dass ein Junge doch durchaus sowohl Handarbeit machen kann als auch Fürbitten vorlesen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich deswegen immer meine Männlichkeit hinterfragt habe in puncto was macht ein Mann. Was soll ein Mann können, was soll er tun, wie soll er sein?

Aber geprägt von diesen Erlebnissen in früher Kindheit habe ich mich immer bemüht, männliche Dinge zu tun und bewusst maskulin zu sein. Mit mehr oder weniger Erfolg. Ich glaube, dass ich sehr viele Dinge getan habe, weil man diese so von mir erwartet hat. Ich war insgesamt dreimal verheiratet. Ich bin immer von einer Beziehung in die nächste Reingeschlittert, manchmal sogar morgens bei der einen aufgewacht und abends mit einer anderen ins Bett immer auf der Suche nach der Männlichkeit, die viel Sex haben musste.

Das bedeutet nicht, dass ich auf ein Leben mit schlechter Sexualität zurückblicke, das ist es nicht. Aber ich habe große Teile meiner Sexualität einfach verborgen. Und nicht weiter thematisiert auch nicht mit Partnerinnen.

Ich bin weite Teile meines Lebens als dominanter Liebhaber unterwegs gewesen. Nur hatte ich auch eine submissive Seite, die ich mir jedoch nicht eingestehen wollte, zumindest nicht als Mann. Wenn ich mir Pornos anschaue, die BDSM zum Inhalt haben, habe ich mich immer mit den Frauen identifiziert, die submissive Dinge tun. Die Männer waren mir egal. Ich wollte so sein wie diese Frauen.

Ich habe früh festgestellt, dass ich bisexuell bin. Und in diesem Zusammenhang habe ich mich, wenn ich submissive Dinge getan habe, immer als Frau wahrgenommen, denn ein Mann ist nicht submissiv. So wurde Sarah geboren. Als „Hirngespinst“.

Natürlich habe ich auch mit weiblicher Bekleidung experimentiert. Zunächst als Damenwäscheträger. Wenn ich mir jedoch andere Damenwäscheträger so angesehen habe, die mit Vollbart und Vollbehaarung Damenunterwäsche trugen, so kam das für mich nicht infrage. Ich habe nicht verstanden, wenn man doch Damenunterwäsche trägt, wie man dann auch noch voll behaart durch die Gegend läuft. Das machte für mich das Bild kaputt. Damenunterwäsche zu tragen hat mich aber auch nicht geil gemacht. Und damit konnte es auch kein Fetisch sein. Ich fühlte mich in Damenunterwäsche jedoch immer wohl.

Ich habe dann angefangen mit dem Crossdressing. So habe ich mir die Haare abrasiert, den Bart abgenommen und bin auch sonst weiblich bekleidet auf Partys erschienen. Aber auch hier habe ich gemerkt, dass das allein für mich nicht ausreicht. Crossdresser sind heterosexuell. Und diese Männer haben in Damenwäsche Sex mit anderen Frauen. Wenn ich mich aber doch als Frau fühle, wie kann ich dann meinen Penis zur Penetration einsetzen? Das hat sich mir logisch nicht erschlossen.

Und so ist es dann irgendwann geschehen, dass es mir wie Schuppen aus den Haaren gefallen ist, dass ich eine Frau sein muss. Eine bisexuelle, binäre Frau. Seit diesem Moment fühle ich mich in meiner Haut richtig wohl. Ich bin schon immer jemand gewesen, der ruhig und besonnen ist, aber ich bin nicht mehr so auf dem Sprung nach dem nächsten Fick. Ich muss mich nicht mehr beweisen, sondern kann mein Leben ganz einfach genießen.

Als ich meine Emotionen zum Frau sein erkundet habe war ich tatsächlich auch noch als Mann sexuell aktiv, bis es irgendwann einmal so war, dass ich mit einer schönen Frau im Bett lag und es Klick gemacht hat. Die Frau war richtig. Das Bett war richtig. BDSM war richtig. Nur ich war falsch. Ich hatte von jetzt auf gleich kein Gefühl mehr für männliche Sexualität. Ich wollte nicht. Das war auf der einen Seite ein guter Moment für mich. Aber für die Frau schwierig.

Früher bin ich halt als Mann draußen unterwegs gewesen und habe abends die Frau angezogen, um mich wohlzufühlen. Irgendwann habe ich die Frau nicht mehr ausgezogen, weil ich das Gefühl des Wohlseins nicht mehr missen wollte. Und habe für die Sexualität den Mann ausnahmsweise angezogen. Das ist heute für mich unvorstellbar.

 

Es ist nun Mitte 2021. Sarah existiert seit fast 15 Jahren. Ich lebe jetzt seit Anfang 2020 fast ununterbrochen als Sarah (Outing im Berufsleben und Privat) und seit Mitte 2020 vollständig. Und es geht mir saugut.

 

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